Interview mit Dialect Music

Mittwoch, März 10, 2010
Von mag

HPIM7566Es ist ein seltsamer Abend im Institut Français. Die Veranstaltung nennt sich “Nacht der Poesie”. Bevor das Konzert beginnt, werden schnell noch Stühle in den Raum getragen und Liedtexte verteilt. Das Publikum ist im Schnitt 20 Jahre älter als die Bandmitglieder von Dialect Music aus Lyon. Aber welche Überraschung, dieser junge Mann da vorne, der Rapper Gas, trägt ja Gedichte vor! Und dabei wird er von Sylvain auf dem Flügel und Jimmy am Schlagzeug mit sanften Jazz-Arrangements begleitet. Das gefällt auch der grauhaarigen Dame im Kostüm, die ein quatschendes Pärchen anfaucht: “Silence!” Und am Ende wird sogar ein kleines bisschen getanzt.

Unsere Kollegen von Zyva Frankreich durften die sympathischen Mitglieder von Dialect Music schon zweimal zum Gespräch treffen, für uns ist es das erste Mal. Wer die Jungs noch einmal auf einem richtigen Konzert sehen will, sollte am Freitag ins Haus der Kulturen der Welt kommen. Der Eintritt ist frei!


Zyva: Ihr spielt heute im Rahmen eines Literaturfestivals. Findet ihr, dass eure Musik da gut rein passt? Was haltet ihr davon?

Gas: Zum Kotzen ist das! (Lachen) Aber was soll man machen? (Lachen) Von irgendwas muss man eben leben, meine Damen!
(Lachanfall auf allen Seiten)

Nein, das ist natürlich super! Schon allein, weil wir so ins Ausland gekommen sind. Aber auch die Tatsache, dass es ein Poesiefestival ist, gefällt uns, weil uns die Texte unserer Lieder mit der Zeit immer wichtiger werden. Uns ist klar geworden, dass die Leute unsere Texte nicht immer verstanden haben.

Auf einer Veranstaltung wie dieser können wir den lyrischen Aspekt noch mehr in den Vordergrund rücken und die Arrangements eher dezent gestalten.

Zyva: Wenn dir deine Texte so wichtig sind, Gas, kannst du unseren deutschen Lesern erzählen, über welche  Themen du sprichst? Oder gibt es vielleicht eine bestimmte Botschaft, die du vermitteln möchtest?

Gas: Das wichtigste Thema ist die Komplexität des menschlichen Daseins, die zwischenmenschlichen Beziehungen. Meine Texte können politisch sein, aber auch einen gesellschaftskritischen Anspruch haben, wenn es um die Natur des Menschen geht.

Was war nochmal die zweite Frage?

HPIM7503Zyva: Eine bestimmte Botschaft…

Gas: Ja, genau. Was grundsätzlich vielleicht die am häufigsten wiederkehrende Botschaft in unseren Texten ist, ist die Aufforderung, hinter die Kulissen zu blicken, sich von einem ersten Eindruck nicht täuschen zu lassen, und dass oft mehr hinter den Dingen steckt, als man anfangs vermutet.

Das ist auch die Erfahrung, die wir als Band gemacht haben. Wir haben uns alle über die Musik kennengelernt und so konnten wir uns weiter entwickeln und zwar darüber hinausgehend, wo wir musikalisch ursprünglich herkommen.

Wenn man”s vereinfacht: Ich war Rapper und die anderen waren Jazz-Leute. Wir hätten uns nie kennengelernt, wenn wir uns nicht die Zeit genommen hätten, eine gemeinsame Musik zu finden, wenn es uns nicht gelungen wäre, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln.

Darum geht”s also oft bei Dialect; dass man mal ein bisschen Abstand nimmt und genauer hinsieht. Die Tatsache, dass wir nicht unbedingt das machen, was man von uns erwartet. Oft wird uns gesagt: “Ihr prangert die Dinge gar nicht so an, wie man das doch im Rap macht! Ihr redet gar nicht von Gewalt!” Und das stimmt zwar irgendwie, aber wir möchten das einfach lieber mit mehr Finesse tun.

Was uns auch gefällt ist die Tatsache, dass es ja zwei Arten gibt, auf die man Musik wahrnehmen kann: man kann zuhören und tanzen. Aber wenn man darüber nachdenken will, kann man das auch tun und dann merkt man, dass noch mehr dahintersteckt. Es gibt also eine Herangehensweise über die Texte und eine über die Musik.

HPIM7511Zyva: Was jetzt also die Musik betrifft – und du sagtest schon, dass ihr zum Teil vom Rap und zum Teil vom Jazz her kommt – ich habe den Eindruck, dass ihr eine gewisse Entwicklung durchgemacht habt. Als ich euch 2007 live gesehen habe, hat sich das noch viel jazziger angehört, als das, was man sich jetzt auf eurer Myspace Seite anhören kann. Wird das neue Album (Parlez-vous Dialect?) eher in die Funk/Soul-Richtung gehen?

Gas: Ja, das stimmt schon. Wenn du online casino so willst, sorgt jeder Musiker für einen gewissen Einfluss. Wir nennen unseren Stil ja auch HipHop-Jazz-Funk. Was es aber auch trifft, ist der Ausdruck “organischer HipHop”. Das bedeutet, dass wir versuchen, alle Einflüsse miteinander zu verbinden. Damit man gar nicht mehr sagen kann: Das ist eher ein Jazz-, das ist ein Funk-, das ist ein Soul-Stück. Stattdessen verarbeiten wir die verschiedenen Richtungen zu einem Musikstil. Klar klingt das dann mal eher nach Jazz, mal eher nach Funk. Aber wir möchten da aufgeschlossen bleiben und zum Beispiel nicht sagen: “Das ist uns zu sehr Rock, das zu sehr Jazz!”

Aber du hast wahrscheinlich auf Myspace auch das Video gesehen. Das war eine Veranstaltung, die sich HipHop-Soul-Experience genannt hat. Das war also ein besonderer Kontext. Diese Parties sind sehr auf den Live-Effekt ausgerichtet, da wird den ganzen Abend lang getanzt. Wir haben ganz viele Gastmusiker von unterschiedlichsten Bands eingeladen. Und es herrschte totale Partystimmung. Und das ging dann tatsächlich sehr viel mehr in die Soulrichtung, als das bei den verschiedenen Bands der Fall wäre, wenn sie einzeln auftreten würden.

HPIM7502Zyva: Und diese Mischung von Jazz und Rap, bzw. dass man sich als Rapper Musiker auf die Bühne holt, die echte Instrumente spielen, ist das eigentlich so ein Lyoner Ding? Ich kenn mich da nicht so aus, aber es gibt ja mehrere Rap-Crews in Lyon, die damit experimentieren.

Sylvain: Nö!

Gas: Das gibts eigentlich überall in Frankreich. In Nantes, Mulhouse…

Sylvain: …Dijon…

Gas: Genau.

Zyva: Also quasi frankreichweit?

Gas: Ja, aber auch nicht nur. In Amerika machen sie das auch.

Sylvain: Und schon lange!

Gas: Ja. Das ist so ein bisschen die alternative Rap-Szene im Vergleich zu dem, was populär ist. Es stimmt schon, dass der Stil jetzt immer bekannter wird, aber jedenfalls ist das örtlich eigentlich nicht beschränkt.

Zyva: Das ist interessant, weil es das im deutschen Rap eigentlich kaum gibt. Vielleicht noch so ein bisschen bei Kinderzimmer Productions, aber na ja…

Gas: Wirklich? Bei uns gibt”s da immer mehr Bands und viele machen auch echt gutes Zeug. Und aus dem Grund veranstalten wir dann auch solche Abende. Damit sich die Gruppen untereinander treffen und kennen lernen können.

Zyva: Gibt es dann so eine richtige eingeschweißte Rap-Szene in Lyon, wo man sich kennt und mag und vielleicht auch zusammenarbeitet?

Gas: Ja klar! Es gibt schon eine große Rap-Szene in Lyon. Das geht in alle Richtungen: Hardcore, Electro, Jazz.

Sylvain: Genau. Wobei wir zu dieser Veranstaltung, der HipHop-Soul-Experience, von der wir schon erzählt haben, auch nicht nur Rapper eingeladen haben, sondern auch Sänger, Musiker, DJs…

Gas: … Beatboxer.

HPIM7524Zyva: Ist die Lyoner Szene vielleicht offener als die in Marseille oder Paris?

Gas: Hm, nein.. Es gibt so etwas ähnliches schon auch in Paris und Marseille.

Sylvain: Die Bands haben einzeln oft Schwierigkeiten bekannter zu werden. Deswegen war es uns ein Anliegen, die Energien aller zu bündeln, indem man die Leute zusammenzubringt. So entsteht dann eine Dynamik, zusammen gelingt einem ein Event, das bekannt wird.

Gas: Das sind alles Leute, die wir auf Konzerten kennengelernt haben, oder mit denen wir im Studio waren. Du hast vorhin nach Kollaborationen gefragt. Da kommt schon langsam was zusammen, das entwickelt sich noch.

Zyva: Diese HipHop-Soul-Experience, wie funktioniert das denn? Wird da spontan auf der Bühne improvisiert? Oder wurde da mit allen Musikern geprobt?

Sylvain: Das wurde schon vorbereitet.

Gas: Natürlich gibt”s dann schon auch Momente, die ziemlich Freestyle sind.

Sylvain: Aber wenn das Programm 2 Stunden dauern soll, dann musst du schon ein gewisses Grundgerüst haben und wissen, wer zu welchen Stücken auf die Bühne kommt. Aber klar, ein bisschen Freestyle ist natürlich dabei.

Gas: Du hast ja mal ein Konzert von uns gesehen, ein bisschen Improvisation muss schon sein. Aber da wollten wir jetzt schon, dass es eine Art Choreographie gibt, ein Timing, das dann auch Vorbereitung erfordert. Es bleiben Momente, wo du Zeit hast, zu machen was du willst. Aber es ist schon auch gut, wenn du dich in einem gewissen Rahmen bewegst. Da sind wir vielleicht auch noch nicht erfahren genug, als dass das alles ganz spontan laufen könnte.


Lied einer Band, das euch oder eure Musik widerspiegelt:

Q-Tip – Kamaal the Abstract (das ganze Album, aber im Speziellen das erste Lied: Feelin”)


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3 Kommentare zu “Interview mit Dialect Music”

  1. lisa

    Dialect in Berlin?? Trop bien!

    #588
  2. Veit

    Das mit dem deutschsprachigen Rap und nicht erfolgten/erfolgenden Bandkollaborationen stimmt so nicht ganz. Wobei diese anders geartet sind. Als populäre Beispiele wären einerseits Leute wie Clueso, Jan Delay oder Max Herre zu nennen, die sich vom klassischen HipHop mehr und mehr einem generellen Bandsound von mitunter rein populärem Ausmaß zugewandt haben.
    Eher in die hier wohl gemeinte Richtung gingen aber auch Blumentopf, die ihre letzte Tour komplett mit Liveband gespielt haben, wodurch der Sound deutlich Jazz- und Funklastiger wurde. Und von Kinderzimmer P. war ja sowieso die Rede.
    Das grundsätzliche Problem ist eher, dass es in Deutschland keine relevante alternative Rapszene gibt, und das Schema Rap mit (Jazz)Band vornehmlich in Probekellern und auf Kleinkunstbühnen zu finden ist, nicht aber auf erwähnenswerte Weise bei größeren Anlässen.

    #593
  3. mag

    Ja, so war das eigentlich gar nicht gemeint.. Kollaborationen und Einzelprojekte gibt es schon, da hast du recht. Clueso und Jan Delay sind meiner Ansicht nach aber schon ganz auf der Funk/Pop/Jazz Seite gelandet. Das ist eher ein Wandel von Rap zum Funk, als eine Fusion der Stile.
    Das ist schon ein ganz spezieller Stil in Frankreich. Dass mindestens ein Rapper vorne auf der Bühne steht. Und auch tatsächlich rappt und nicht (wie Jan Delay/Clueso) singt. Und dabei eine feste Band hat, die auch genauso dazu gehört wie der Rapper, also nicht nur Kollaboration und nicht nur für eine Tour…
    Also ich sehe da zumindest schon einen Unterschied.

    #595

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