Interview mit L’oeuf Raide

Samstag, Februar 27, 2010
Von mag

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Letzte Woche ARTE, diese Woche ZYVA. Der Electro-Produzent und Künstler L’Oeuf Raide (“das bekiffte Ei”) ist ein gefragter Mann. Das Thema unseres Gesprächs scheint vorprogrammiert: Denn wie ZYVA, kommt L’Oeuf Raide ursprünglich aus Lyon, lebt aber seit zwei Jahren auch in Berlin. Wir haben mit ihm in seiner Neuköllner Wohnung über beide Städte und die unterschiedlichen Szenen gesprochen und wissen jetzt, warum die Menschen in Lyon grundsätzlich aufgeschlossener sind als die in Berlin.

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Zyva: Du hast uns gerade schon erzählt, dass du seit 2 Jahren in Berlin wohnst… Dein neues Album heißt Berlin Eggsile, empfindest du dein Leben hier wirklich als eine Art Exil?

Fred: Es ist tatsächlich nicht leicht weit weg von seinen Freunden, seiner Familie zu sein. Das ist schon ein gewisser Aufwand. Ich habe das in der Tat als Bruch mit der Bequemlichkeit empfunden. Ich war total in mein Lyoner Umfeld eingebunden, hatte dort viele Freunde und habe oft meine Familie gesehen. Und dann bist du auf einmal 1200km weiter im Norden…

Zyva: Also, wie kam es dann dazu, dass du nach Berlin gekommen bist?L'oeuf Raide3

Fred: Wegen einem Mädchen (Lachen), und, na ja, alle Geschichten gehen irgendwann zu Ende.

Zyva: Also, du bist gar nicht zum Musik machen hierher gezogen?

Fred: Na, natürlich hatte ich das auch im Kopf, dass das schon cool ist, dass sie in Berlin wohnt. Ich wäre vielleicht nicht nach Freiburg oder München gegangen. Da hätte ich dann eher dafür gesorgt, dass sie nach Lyon kommt. Aber Berlin als Stadt war auch eine Motivation.

Zyva: Nicht nur du, sondern auch dein Label Jarring Effects kommt aus Lyon. Hast du eine ähnliche musikalische Szene auch hier in Berlin gefunden?

Fred: Ja. Nur nicht ganz vergleichbar, aber das ist schon auch gut. Zum Beispiel habe ich meine neuen Mitbewohner kennen gelernt, weil ich auf einer ihrer Partys im Tacheles gespielt habe. Und einer von ihnen organisiert die Wobble Partys in Berlin, die gehen musikalisch sehr in die Dubstep-Richtung. Mein neues Live-Set ist ziemlich Drum ‘n Bass. Und das ist super, wenn zwischen dem Dubstep ein bisschen Drum ‘n Bass kommt. Ich mag Dubstep, die Stilrichtung interessiert mich sehr, aber um ehrlich zu sein, sieben Stunden am Stück Dubstep, das ist mir zu viel.
Ich finde, dass Drum ‘n Bass gut damit harmonisiert, das geht klanglich in eine ähnliche Richtung, nur, dass es einen weniger runterzieht.

L'oeuf Raide2Zyva: OK, wir wissen jetzt, wieso du hierher gekommen bist, aber warum bist du in Berlin geblieben?

Fred: Weil ich hier Projekte habe, die ich noch nicht beendet habe. Außerdem ist es besser hier zu leben, als in Lyon, wenn ich Musik machen will.

Zyva: Tatsächlich?

Fred: Ja, weil ich hier schon noch mehr Möglichkeiten habe. Ich lerne so viele musikalisch interessante Leute kennen. Außerdem will ich mit einem Kumpel von mir zusammenarbeiten, den ich hier getroffen habe. Er ist Engländer und lebt zur Hälfte in London und zur Hälfte in Berlin.

Zyva: Und wer ist das?

Fred: Er heißt Marc Teitler, er macht Werbemusik. Aber das hat wirklich Klasse, was er macht! Als wir uns das erste Mal gesehen haben, hat er mir erzählt, dass er Filmmusik macht. Und ich: “Filmmusik, das ist mein Traum !” Und er: “Na ja, also weniger Film, eher Werbung.” (Lachen)
Aber gut, er macht wirklich super coole Musik für richtig tolle Spots! Und ich würde gerne mit Video arbeiten. Natürlich würde ich noch lieber Filmmusik machen. Das ist ja heutzutage auch eine der wenigen Möglichkeiten Geld zu verdienen. Ein Sache, für die man bezahlt wird, ohne gleich seine Seele zu verkaufen.

Zyva: Und hast du mit ihm auch schon für das neue Album zusammengearbeitet?

Fred: Nein, das ist bisher nur ein Projekt. Wir mögen beide, was der andere macht. Und er hat Kontakte, was ja in der Branche auch wichtig ist. Also, das will ich machen und außerdem kommen zur Zeit auch viele MCs durch Berlin…

Zyva: Ich mag das Rap-Lied (Lost in a Vortex) auf deinem neuen Album sehr gerne!

Fred: Ja! Übrigens habe ich Blu Rum 13 in Lyon kennen gelernt.L'oeuf Raide5

Zyva: Also bleibt immer eine gewisse Verbindung zwischen Lyon und Berlin!

Fred: Ja, ich war jetzt auch in Lyon, um mein Album zu mixen. Und letztlich bin ich dann noch mal zurück, weil ich noch Stücke geändert habe und inzwischen neue Tracks gemacht hab, und weil es die Möglichkeit gab, sind wir dann nochmal eine Woche ins Studio und die CD ist nochmal ganz anders geworden.

Zyva: Wo du gerade davon sprichst, wie arbeitest du denn, benutzt du echte Instrumente oder Samples?

Fred: Eigentlich beides. Ich spiele Gitarre oder Bass, weil mir das auch Spaß macht…

Zyva: Das spielst du selbst?

Fred: Ja! Und sonst… Oft habe ich auch Lust Musik zu machen und die Inspiration will einfach nicht kommen. In dem Fall also würde ich das nie erzwingen.Was ich dann tue, ist, dass ich Lieder nehme, die ich sonst nie höre. In so einem Moment schleifen meine Ohren am Boden, aber dann mache ich Samples.
Normalerweise benutze ich keine Melodien, sondern immer einen Ton, irgendetwas Kurzes.
Ich arbeite noch mit den alten Samplern, wie früher. Also mache ich sehr kurze Samples und dann spiele ich damit.
Das ist eine Möglichkeit Musik zu machen, wenn man nicht inspiriert ist. Und normalerweise ist das dann sehr inspirierend, weil, wenn du ein Sample machst, ist das weil dich irgendwas daran gereizt hat. Und dann bekommst du sofort Lust damit zu spielen und machst du daraus einen Track.

L'oeuf Raide1Meine Inspiration beginnt oft mit einem Ton, wenn es sich um ein echtes Electro-Stück dreht. Oder aber weil ich gerade Gitarre spiele und eine Melodie gefunden habe, die mir gefällt. Und dann nehm ich’s mal auf um zu gucken, wie es sich anhört. Das ist ja der Vorteil heute, dass man es umsonst aufnehmen kann. Früher brauchte man ein Tonband, das war teuer, aber heute kann man jeden Scheiß aufnehmen. (Lachen)

Zyva: Und wie schaffst du es dann, das, was du im Studio machst, live umzusetzen?

Fred: Ich scratche viel, ich versuche die Sache irgendwie zu animieren. Ich habe meinen PC, ich mache Breaks mit einem Sampler. Ich arbeite mit Traktor Scratch Pro, ein deutsches Programm aus Berlin! Das ist echt cool, du kannst Lieder von dir, die du nicht auf Vinyl gepresst hast, wie auf Schallplatte benutzen.
Du kannst Samples, alles was du willst, drauf machen.

Zyva: Entsteht dein Live-Set spontan oder weißt du schon vorher was du machen wirst?

Fred: Nein. Gut, also ich weiß noch nicht, ob ich dann in Form bin… (Lachen)
Aber im Großen und Ganzen, bereite ich alles vor. Ich weiß ungefähr welche Stücke hintereinander kommen, welche Scratche ich verwende, welche Stimmen ich drüber lege. Aber ich habe immer verschiedene Optionen.

Zyva: Kann sich das dann je nach Publikumsreaktion ändern?

Fred: Hmm, ich denke, dass mein neues Set sehr tanzmäßig ist. Also ist besser, wenn die Leute Lust zu tanzen haben.

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Lange Zeit habe ich versucht Downtempo zu machen. Aber dann habe ich gesehen, dass die Leute es immer lieber mochten, wenn ich reingehauen hab.
Ich hab da trotzdem 6 oder 7 Jahre drauf bestanden… (Lachen) Aber bei dem jetzigen Set kann man viel besser tanzen.

Zyva: Gibt es einen Unterschied zwischen dem Publikum in Berlin und dem in Lyon?

Fred: In Lyon ist das Electro-Publikum viel aufgeschlossener.

Zyva: Echt?

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Fred: Ja, man könnte das anders vermuten, aber das liegt an der Größe der Stadt. Das bedeutet, wenn du Electro-Fan in Lyon bist und zum Beispiel sagst: “Ich will nur Drum ‘n Bass hören.”, dann wirst du nicht oft weggehen.

Zyva: Verstehe.

Fred: Also, die Tatsache, dass es so wenige Partys gibt, bewirkt zwangsweise, dass du dir andere Sachen anguckst und dann möglicherweise auch an etwas anderem Gefallen findest.

Wenn hier jemand sagt: “Ich will nur Minimal hören.”, dann ist das das Paradies für ihn. Ziemlich dämlich, meiner Ansicht nach, aber gut…

Also: Ich glaube nicht, dass die Lyoner neugieriger sind, ich glaube, dass sie weniger Auswahl haben.



Lied einer Band, das dich oder deine Musik wiederspiegelt:

Jimi Hendrix – Purple Haze


Das nächste Mal kann man L’Oeuf Raide live im Festsaal Kreuzberg am 2.März sehen.



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4 Kommentare zu “Interview mit L’oeuf Raide”

  1. ouioui

    Hab die gleiche Erfahrung gemacht, dass die Leute in Kleinstädten auf Konzerten viel mehr abgehen. Das Großstadt-Publikum kann schon ganz schön arrogant sein, wenn nicht genau das gespielt wird, was sie sonst immer hören!

    #536
  2. Salara

    Schöne Musik!

    #537
  3. ---

    Wieviel kosten denn die Tickets für das Konzert?

    #538
  4. mag

    Im Vorverkauf wären es 17€ gewesen, ich schätze mal ca. 20 an der Abendkasse..
    Hauptact ist Le Peuple De L’Herbe.

    #539

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