Interview mit den Dirty Honkers

Mittwoch, Februar 17, 2010
Von tobi

dirty honkers3Ein kalter Februarabend in Friedrichshain. Andrea, Gad und Florent, die drei Mitglieder der Dirty Honkers, sitzen in einem engen WG-Zimmer, das zugleich Proberaum und Studio der Band ist. Höflich freuen sie sich über die mitgebrachte Flasche Wein und sofort beginnt ein aufgeregtes Gespräch über Berlin, die Elektroszene und wie Jazz heute klingen sollte.


Zyva: Florent, Du bist aus Frankreich, Gad kommt aus Israel und Andrea aus Kanada, wie kam es denn dazu, dass ihr alle in Berlin gelandet seid?

Gad: Das ist leicht, das war wegen der relaxten Stimmung hier.

Zyva: Wolltet Ihr hier arbeiten oder seid ihr hierher gekommen um Musik zu machen?

Gad: Um Musik zu machen! Wir sind alle wegen der Musik gekommen.

Andrea: Ja, wegen der tollen Musikszene hier.

Zyva: Und wie lange lebt Ihr schon hier?

Florent und Andrea: Seit 4 Jahren.

Gad: Ich bin als Letzter hierher gekommen.

Andrea (singt): New Kid on the Block… (Lachen)

Zyva: Seid Ihr rumgereist oder seit Ihr direkt hier hergekommen?

Andrea: Ich bin für drei Jahre mit einem Tallbike durch Europa unterwegs gewesen. Über 10 000 km…Das war mit einem Kollektiv, das gegründet wurde, um Kunst, Musik und Zirkus zu Kindern zu bringen, die in Flüchtlingscamps vom Roten Kreuz leben. Wir kamen aus den USA und haben dann Leute hier getroffen mit denen wir auf Tour gegangen sind. Und das geht immer noch weiter, es gibt immer noch Leute, die das machen. Ein paar Freunde von mir waren in Laos und in China, Indonesien, Russland und Georgien.

Das hab ich also gemacht, als ich hier her kam, eine Art Fahrrad-Zirkus. Wir fuhren mit dem Rad von Ort zu Ort und brachten überall unsere Show hin. So kam ich nach Berlin. Ich hatte das ziemlich lange gemacht und ich war schon mal zum Party machen hier gewesen und hatte mir gedacht: “Wow, was für eine coole Stadt.” Ich hatte ein paar Freunde hier und dachte mir dann: “Warum nicht hier leben?” Und ich bin geblieben.

Florent: Ich hab Andrea getroffen, als sie schon bei den Haferflocken Swingers war.

Andrea: Eine Art New Swing Experience… Das haben wir die letzten Jahre gemacht.

Florent: Die Band hatte sich schon gegründet bevor ich dazu gestoßen bin. Vor den Haferflocken Swingers gab es keine Swing-Szene in Berlin. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass wir da etwas ganz Neues beginnen. Einige Zeit sind wir da total drin aufgegangen, in dem Swing-Ding. Das ist gewissermaßen unser Background.

Gad: Ich wollte immer was mit Swing machen. In Israel hab ich aber HipHop gemacht. Im Grunde genommen bin ich hier hergekommen, um das zu machen. Also, zum Beispiel, lebe ich hier in der Wohnung mit Leuten aus der Szene zusammen…

Zyva: Aus der HipHop-Szene?

Gad: Ne, der Swing-Szene… Ich hatte wirklich Glück, dass ich diese Leute getroffen habe. Die haben mich sehr stark inspiriert.

Zyva: Und wie habt Ihr drei Euch dann kennengelernt?

Andrea: Ich habe Gad 2008 getroffen…

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Gad: Also eigentlich war ich letztes Jahr für ungefähr zwei Monate in Berlin und wir haben Freunde, die in der gleichen Szene sind. Zum Beispiel gibt es da einen Typen von den Haferflocken Swingers: Gal, der Posaunist. Und der hat auf einem Album gespielt, das ich 2006 in Israel produziert habe.

Andrea: Zwischen allen gibt es irgendwie irgendeine Verbindung…

Gad: Ja… Meine Mitbewohner, die auch aus Israel kommen, habe ich auf der Straße kennen gelernt. Und die sind auch wiederum gut mit dem gleichen Gal befreundet. Außerdem sind sie in der gleichen Band (A.d.R.: Mr. Mostash) wie Ariel, der ja der Drummer von den Haferflocken Swingers ist. Und so bin ich in dieser Szene gelandet.

Andrea: Und ich und Gad haben uns in Holland auf einem Jazzsteppa-Konzert getroffen, weil ich zu der Zeit mit denen gesungen habe und er einen Gastauftritt dort hatte.

Zyva: Aber das Herz des Ganzen sind Les Haferflocken Swingers, bei den Ihr, Andrea und Florent, ja auch auf der Bühne steht?

Gad: Ja.

Andrea: Ja, ich denke. Wir haben da schon Pionierarbeit geleistet für die Berliner Swingszene.

Florent: Für die Art, die wir mit den Les Haferflocken Swingers spielen, den neuen Swing! Wir nehmen das nicht ganz so ernst, deswegen gibt es zum Beispiel kein Klavier. Wir sind keine Big Band.

Zyva: Ja, das ist eine sehr moderne Version von Swing. Aber kann es sein, dass Euch beiden, Andrea und Florent, das vielleicht zu langweilig war, “nur” modernen Swing mit den Les Haferflocken Swingers zu spielen? Ihr wolltet noch etwas mehr und  deswegen kam noch Gad als neues Element dazu?

Alle: Ja.

Andrea: Definitiv… Als wir zusammenkamen und zum ersten Mal Musik machten, waren wir so voller Material und Ideen, dass es aus uns herausgebrochen und explodiert ist. Wir hatten lauter Tracks, die wahnsinnig schnell entstanden sind.

Wir drei sind alle Performer. Wir haben da alle schon viele Erfahrungen gesammelt: instrumental, stimmlich oder auch elektronisch. Gad kennt sich mit der Produktion von Tracks aus. Deswegen war es so, dass wir, als wir zusammenkamen, nicht einmal reden mussten. Alles hat gepasst. Und wir, Florent und ich, sind auch beide Texter und Sänger… Da gab es überhaupt keine Misverständnisse, das war wie ein Funken der zu Feuer wird.

Gad: Ja, echte Magie! Die Chemie ist total gut ausbalanciert. Wir verstehen alle die Ideen der anderen und es kommt richtig selten vor, dass wir mal nicht einer Meinung sind.

Florent: Genau, wir verstehen, was der Andere sagen will, was ja oft sehr schwierig sein kann. Aber auch die Tatsache, dass wir mit einem Computer arbeiten, bewirkt, dass die Arbeitsweise sich sehr von der einer “normalen” Band unterscheidet…

Andrea: …was ja organischer ist…

Florent: Mit einem Computer gibt es keine Grenzen mehr. Aber es ist auch eine Herausforderung, etwas Musikalisches daraus zu machen. Das ist gar nicht so leicht, weil es gewissermaßen keine Regeln gibt.

Zyva: Ich habe neulich einen Artikel gelesen, in dem behauptet wird, dass Jazz seit Miles Davis tot ist. Und dass seitdem Jazz gleichzusetzen ist mit Leuten, die teuren Rotwein trinken, in ihren Sesseln sitzen und sich technisch übertalentierte Musiker anhören…

Andrea: Ja, genau.dirty honkers2

Zyva: Ja, und deswegen war ich einerseits überrascht und andererseits glücklich, als ich Euch gehört habe. Ich glaube der einzige Weg, “neuen” Jazz zu machen, muss heutzutage so laufen, dass man ihn mit anderen Stilen kombiniert.

Andrea: Ja, genau!

Gad: Und die andere Sache ist, dass, wenn Leute heute das Wort “Jazz” hören, dann denken sie nicht an Tanzmusik. Dabei ist der Jazz aus den 50ern…

Zyva: Genau, das ist der Punkt!

Gad: Ja, den neuen Jazz hör ich mir nicht so gerne an. Wie du gesagt hast: Das ist Jazz von übertalentierten Typen, das ist nicht wirklich zugänglich, finde ich. Wir wollen den alten Vibe zurückbringen.

Andrea: Im Gegensatz zu dieser Jazzmusik, die nur für Jazzmusiker gemacht wird…

Zyva: Ja, das ist langweilig.

Florent: Das kann es zumindest sein.

Zyva: Ja, also, nicht im Allgemeinen.

Florent: Ja, aber das stimmt, Jazz hat sich zu einer sehr speziellen Art von Musik entwickelt, die sich weit von ihren Wurzeln entfernt hat.

Gad: Und wir wollen die Jazz-Wurzeln wieder lebendig machen.

Zyva: Das wäre mein zweiter Punkt gewesen… Ich glaube das Jazz ursprünglich Tanz- und Partymusik war. Musik für Exzesse, Alkohol und zum Feiern.

Gad: Das ist genau das, was wir in unserer Musik und auch in Interviews klar stellen wollen: Wir wollen der ursprünglichen Form von klassischem Jazz Respekt zollen. Wie es sich früher angefühlt hat und dieses Gefühl wieder auferstehen zu lassen, als etwas wirklich Explosives, etwas bei dem du nicht still sitzen kannst.

Andrea: Aber es in einem neuen Licht zeigen. Etwas nehmen, das war, aber es neu interpretieren, in einer neuen, einzigartigen Form. Wir haben einige Freunde, die sich an Swing und Jazz probieren. Aber eigentlich spielen sie Swing und Jazz, die Original-Songs, in ihrer A-A-B-A-Form, da wird nichts Neues eingebracht. Sie spielen wieder die alten Lieder. Das ist, wie wenn man ein altes Foto abstaubt anstatt es neu zu bearbeiten.

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Florent: Das stimmt. Wir wollen nicht den alten Sound zurückbringen, nur die Energie.

Gad: Neuer Klang, aber mit dem ursprünglichen Herz. (Lachen) Es gibt zwar schon eine Bewegung, eine kleine Electronic-Swing-Bewegung. Aber da werden im Wesentlichen House-Beats genommen, die mit Swing-Samples aufgefrischt werden. Aber es bleibt dann eigentlich House-Musik.

Florent: Das ist dann mehr eine Kollage, das hat nichts mit Performance zu tun. Du wirst live dann nichts anderes sehen, als du schon auf der MP3 hörst.

Andrea: Wir wollen das auf die Bühne bringen. Wir haben unsere Instrumente, unsere Arrangements, unsere Ideen. Aber wir lassen alles auch offen für Improvisation. Denn darum ging’s ja auch im Jazz. Diese Spontanität. Der Trompeter sagt: “Ich will jetzt mal das ausprobieren” und auf einmal geht es in eine ganz neue Richtung. Wir wollen dieses Überraschungselement beibehalten, weil uns das als Musiker auf der Bühne glücklich macht. Wenn du auf der Bühne performst, willst du dieses Gefühl auch haben, dass auf einmal irgendwas vollkommen Verrücktes passieren könnte. Das führt dazu, dass dir das, was du tust, Spaß macht. Und wenn es dir Spaß macht, dann spielst du auch gut und es ist echt schwierig für das Publikum, nicht auch Spaß zu haben.

Zyva: Wie wichtig ist denn die Stadt und die Szene hier für euch? Gibt es überhaupt eine Szene außerhalb der Haferflocken-Swingers?

Gad: Ich würde eher von der Karmanoia-Szene sprechen. Da geht es nicht nur um Swing, sondern das ist mehr so eine Art Freak-Show/Kabarett/Do-it-yourself-Stil. Aber wieviele Leute gehören da eigentlich dazu?

Florent: Ach, schon ein paar tausend.

Gad: Und diese Szene ist viel offener für Neues, als die Electro-Szene. Die ist nämlich ziemlich engstirnig….

Mitbewohner Liad Vanounou (Mr. Mostash) schlurft zur Tür rein.

Liad: Geht’s euch gut?

(Allgemeines Gelächter)

Gad: Als ich hierher kam dachte ich, dass ich ein bisschen Swing-Musik in die Electro-Szene bringen könnte, aber es ist wirklich leichter, Electro in die Live-Musik zu bringen.

Andrea: Wir wissen’s auch noch nicht so genau. Wir haben ja erst im Herbst angefangen zu spielen und sobald wir genügend Tracks zusammen hatten, haben wir die ersten Shows gespielt. “Ja, ja, ja! Lass uns auftreten!” Deswegen wissen wir auch noch nicht genau, wo wir reinpassen sollen, in welche Richtung wir gehen. Es ist eine neue Sache und wir gucken jetzt mal, wieviele Leute es annehmen werden. Unsere Musik entwickelt sich noch, und zwar ziemlich schnell.

Gad: Ich glaube, dass unsere Musik gut in Clubs funktionieren kann, aber auch live auf der Bühne…dirty honkers1

Florent: …und auf der Straße…

Andrea: Ja, das wollen wir auch machen, mit einem Ghettoblaster…

Florent: Es stimmt schon, was Gad über die Electro-Szene gesagt hat. Berlin hat ja den Ruf Pionierarbeit in der Electroszene geleistet zu haben. Daraus folgt natürlich, dass es ganz viele Electro-Labels, Booking-Agenturen und DJs gibt. Aber die Szene ist sehr fest abgegrenzt. Natürlich gibt es verschiedene Sparten…

Gad: Es gibt hunderte kleine Electro- und Techno-Labels, die sich alle ein kleines bisschen spezialisiert haben.

Zyva: Ihr nehmt ja gerade ein Album auf, sucht Ihr denn nach einem Label?

Andrea: Wir sind da sehr offen. Wir produzieren selbst und nehmen den Lauf, den es eben nimmt. Wir wissen nicht, was noch passieren wird. Ob jemand auf uns zu kommt oder ob wir unsere Sachen veröffentlichen.

Florent: Wir wollen nicht irgendwo reinpassen. Wenn uns jemand trotzdem nimmt, dann klar… Aber das ist schwierig, wir passen eben nicht in eine spezifische Ecke. Wenn uns deshalb niemand will, ist’s uns auch egal.

Gad: Ich glaube, sobald wir als Liveband anerkannt werden und unseren Namen bekannter gemacht haben, wird ein Label mit einem weiteren Spektrum an Veröffentlichungen auf uns zu kommen…

Lied einer Band, das euch oder eure Musik widerspiegelt:
The Outkast – Idlewild (Das Album und der dazugehörige Film)


Die Dirty Honkers spielen am Freitag, den 19.02.2010, auf dem HdK-Festival im Festsaal Kreuzberg (http://www.myspace.com/dirtyhonkers)

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4 Kommentare zu “Interview mit den Dirty Honkers”

  1. Sandy

    Spannendes Interview, die Band kannte ich gar nicht, nur Mr.Mostash sagt mir was. Geile Musik auf jeden Fall und mal was Neues, das ist in Berlin ja gar nicht mehr so einfach da was zu finden.. Ich bin auf jeden Fall dabei aufm Konzert!!! Greets, Sandy

    #530
  2. me

    Sehr cool! Selten so ein sympathisches Interview gelesen!

    #531
  3. Mlle starlette

    deren spass an ihrer musik springt ja sogar schon beim lesen auf einen über. bin gespannt auf das konzert!

    #532
  4. Nadja

    Das Konzert war ja mal der Haaaaaaaaaaaaaaammer!!!

    #535

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