High Tone // Interview

Samstag, Dezember 6, 2008
Von mag

HPIM6901Nachdem wir bereits an dieser Stelle auf das Konzert der phantastischen Electro Dub Band High Tone im RAW-Tempel hingewiesen haben, durften wir Schlagzeuger Dominique und Bassist Fabrice am nächsten Tag zu einem kleinen Gespräch im Dense Record Shop treffen, wo die High Tone DJs zuvor aufgelegt hatten.

(Pour lire l’interview en français, c’est par ici)

ZYVA: Wie ist das Konzert im RAW Tempel gestern für euch gelaufen? Wie fandet ihr die Stimmung in Berlin und wie war sie sonst hier? Es ist ja nicht das erste Mal, dass ihr in Berlin seid.

Fabrice Oresta: Es ist das erste Mal, dass wir so ein gutes Feedback hier bekommen. Wir haben zwei oder dreimal hier gespielt, aber nicht unbedingt in einem Rahmen, der sehr gut zu High Tone passt, sowohl in Bezug auf das Publikum, als auch in Bezug auf die Weise wie Werbung für uns gemacht wurde. Und jetzt war das erste Mal, dass… na ja, schon, dass wir einen Vertrieb (Alive!) für unser letztes High Tone Album gefunden haben, das hier im März erscheinen wird. Das ist schon mal das Erste, das wird uns helfen hier mehr Konzerte zu finden. Es war echt ‘ne super Stimmung gestern. Die anderen Male kamen die Leute ein Bisschen per Zufall und da war dann nicht wirklich eine großartige Stimmung. Aber diesmal haben wir die Leute am Ende des Sets lächeln sehen und es gab eine Verbindung zwischen uns und am Merchandise-Stand haben wir total viel mit den Leuten gequatscht!

ZYVA: Vielleicht lag das die ersten Male auch daran, dass wir nicht die gleiche Dubszene haben wie ihr in Frankreich. Auf eurem Label Jarring Effects gibt es zum Beispiel einige Bands, die ein Bisschen in die gleiche Richtung gehen wie ihr. Electro Dub gilt hier wirklich als ein speziell französisches Ding.

Fabrice: Stimmt schon, dass die meisten Dubszenen auf der Welt im allgemeinen aus dem Reggae heraus entstanden sind. Wir in Frankreich dagegen haben eine Electro Dub Szene, die die Reggae-Wurzeln ein Bisschen losgelassen hat. Unsere Art den Klang zu bearbeiten und aufzubereiten ist von Livebands beeinflusst, während es normalerweise eher ein maschinelleres Format gibt, DJs, sowas in der Art. Das ist schon ein Bisschen eine französische Spezialität. Aber oft ist es schwierig eine Nische zu finden. Weil, wenn wir auf einem reinen Dub-Abend spielen, sind unsere Songs womöglich zu sehr Drum ‘n Bass, zu HardCore für das Publikum, das zu sowas kommt. Weil wir viele verschiedene Musikrichtungen vermischen, ist das nicht so einfach….

ZYVA: Ja klar. Und wie ist das in anderen Ländern, die nicht diese Szene haben, wie ihr in Frankreich? Was für Leute kommen da?

Dominique: Inzwischen sind das immer öfter DubClub Abende, und jetzt fangen sie auch an Sound-Systems einzuladen, Crews die Dub Abende gestalten, aber recht offen sind für alles. Angefangen bei Roots und Dancehall, die freuen sich, wenn Bands wie High Tone auftreten, die alle möglichen unterschiedlichen Einflüsse haben. Also manchmal spielen wir auch auf Abenden, an denen Electro von Leuten aus der Gegend gespielt wird, das ist cool, so war das gestern ja auch.

ZYVA: Und glaubt ihr, dass die Leute in Frankreich vielleicht im Allgemeinen offener sind für das Mixen von verschiedenen Stilrichtungen?

Fabrice: Wenn man mehrere Musikrichtungen vereint?

ZYVA: Ja, genau.

Fabrice: Ich glaub das hängt von der Stadt ab. In Paris zum Beispiel hatten wir ein Bisschen das gleiche Problem wie hier in Berlin mit sehr isolierten Szenen. Eine sehr Dub- , eine sehr Dancehall- und eine sehr Drum ‘n Bass-lastige Szene, während in Städten wie Lyon, wo wir persönlich herkommen, da ist es halt sehr klein. Das erlaubt es dann gar nicht, dass es sehr spezielle Szenen gibt, sonst käme ja dann niemand. Also hören die Leute, die Drum ‘n Bass hören, auch Ragga und HipHop und letztlich überschneiden sich dann die Musikrichtungen. Und vielleicht liegt es daran dass wir, da wir aus Lyon kommen, diese Offenheit hatten und nicht in ein spezielles Genre passen wollten, sondern das Alles ein Bisschen vermischen. Denn das war ja schon die Mentalität unserer Musikszene.

High_tone_dens_record_ShopZYVA: Und deswegen gibt es so eine große Electro Dub Szene in Lyon.

Fabrice: Ja, weil in Paris geht’s mehr darum reinen Dub zu machen, der womöglich dem englischen Dub ähnelt.

ZYVA: Um jetzt mal auf euer letztes Album zu kommen: Wir haben gehört, dass ihr 100 Tracks zur Auswahl hattet!

Dominique: Ja, aber nur Tonspuren.

ZYVA: Also noch keine fertigen Stücke…

Fabrice: Nein, nein, das waren eigentlich nur Skizzen.

ZYVA: OK, und was macht ihr dann mit den Ideen, die nicht auf’s Album kommen, hebt ihr die für’s nächste auf?

Fabrice: Das wird vergessen, geht verloren, ich weiß nicht.

Dominique: Manchmal kommt dann irgendwas wieder raus: Hey, wir könnten’s doch mit dem nochmal probieren! (Lachen)

Fabrice: Die Grundlage unserer Arbeit ist, dass wir nicht sofort ein Stück machen, sondern, dass wir viele Stimmungen sammeln, dann greifen wir ein Bisschen davon wieder auf, filtern, filtern, bis wir schließlich beim Endergebnis ankommen.

Dominique: Man muss wissen, dass wir auf verschiedene Arten komponieren, das kann eine Jamsession im Proberaum sein, und da filtern wir wirklich sehr viel, tatsächlich gibt es Stücke, die nicht sehr ausgearbeitet sind. Deswegen hatten wir 100 Tonspuren. Nachher sortieren wir dann also und was wir beim letzten Album gemacht haben ist, dass jeder Einzelne ausgearbeitete Ideen eingebracht hat. Wir haben auch viel mit persönlichen Projekten experimentiert, während auf den letzten Alben alles gemeinsam im Proberaum gemacht wurde.

ZYVA: Kommt das dann vielleicht auch mal vor, dass ihr irgendwelche Ideen 5 Jahre später wiederverwendet?

Dominique: Es gibt auch Projekte, Treffen mit anderen Künstlern wie mit Wang Leï oder Zenzile und da, in so einem Moment greift man dann glaube ich die Ideen wieder auf. Solche Nebenprojekte erlauben es uns sich bestimmter Dinge noch einmal zu bedienen, die man vielleicht nicht auf ein Album tun möchte.

Fabrice: Jetzt erst kürzlich, bei dem Dub Box Projekt, hatten wir ein Stück, das wir für’s Album aufgenommen hatten. Letztlich waren das dann Bänder die in ‘ner Ecke rumlagen und die wir dann wieder rausgeholt haben und dann hat sie jemand geremixt. Das kann also schon vorkommen!

Dominique: Aber solche Sachen werden mit der Zeit nicht besser. Wenn wir wirklich ein Album machen, ist es uns lieber etwas Neues zu machen. Wenn dein Album erscheint ist es sowieso schon ein Jahr her, dass du es komponiert hast, dass du diese Ideen hattest. Eineinhalb Jahre, zwei Jahre, dann hast du Lust etwas auszuprobieren und nicht mit Dingen zu arbeiten die liegen geblieben sind.

Fabrice: Ja, und manchmal gehst du auch in eine Richtung und kommst da nicht mehr raus. Du hast einiges ausprobiert und am Ende schmeißt du’s weg, weil, wenn du’s noch einmal aufgreifst läuft es wieder auf das Gleiche hinaus, wo du nicht mehr weißt, wie’s weitergehen soll. Es kommt drauf an, aber oft ist es eben so.

ZYVA: Und wenn ihr eure Stücke dann später live präsentiert, spielt auch das Visuelle, das VJing ‘ne große Rolle. Die Filmszenen, die ihr zeigt passen sich eurer Musik an, oder ist es eher umgekehrt? Fügt ihr sie im Nachhinein dazu oder geht ihr auch manchmal von einer Filmszene aus um daraus einen Song zu entwickeln?

Fabrice: Also, im Moment, ist das eher etwas, das wir nachher hinzufügen und wir sagen uns schon lange dass wir mal probieren müssen zuerst von den visuellen Ideen auszugehen. Aber im Augenblick sind wir noch nicht bei dieser Herangehensweise angekommen. Im Moment bleibt es schon noch so, dass wir am Album arbeiten, die Musik machen und dann den Rest hinzufügen…

Dominique: …zum Beispiel die Filmsamples, die Twelve, der DJ aufstöbern kann….

Fabrice: Was die Samples betrifft, haben wir ohnehin einen engen Bezug zum Kino, wir benutzen viele Filme um Soundschnipsel zu finden. Aber die Videos, nein, das ist wirklich eine Arbeit, die im Nachhinein passiert. Das geschieht auch aus Zeitmangel so. Man macht zuerst das Album und dann denkt man erst an die Tournée. Es gibt auch Songs die auf’s Album kommen, die man aber nicht live spielen wird. Also wenn wir für alle unsere Stücke Bilder machen müssten, mit denen wir dann womöglich gar nichts machen… Deswegen ist die Idee eher: Zuerst nimmt man das Album auf und danach kümmert man sich um die Liveversion. Man nimmt alte, neue Stücke, stellt die Livestücke zusammen und stellt sich dann die Frage, wie macht man das mit dem Licht und dem Video. HPIM6903In Deutschland konnten wir nur eine Leinwand mitnehmen, weil wir schon ganz schön weit fahren. Aber in Frankreich benutzen wir im Moment seit 3 oder 4 Jahren drei Leinwände auf der Bühne. Und das ist wirklich eine Arbeit, die im Nachhinein passiert, weil da nicht nur das Bild an sich ist, sondern es auch darum geht auf welchem Medium du es präsentierst, auf welche Art. Aber seit langem quatschen wir darüber mit Nico, dass er uns Material gibt, auf das wir uns von Anfang an für die Komposition stützen können. Weil er live auch Bildschnipsel mit Ton benutzt. Gestern war das zum Beispiel der Fall, am Ende, wo du ein Bild hinten auf der Leinwand siehst und den Ton vom Video hast, der sich über die Musik legt. Genau wie du gesagt hast, es wäre cool, von einem Bild ausgehen, von einer Ästhetik und dann etwas draus konstruieren. Aber bis jetzt machen wir das noch nicht. (Lachen)

Dominique: Aber gut, um auf Nicos Arbeit zurückzukommen: Er fängt an seine eigenen Szenarien zu basteln, er macht eigene Bilder, wie man es auch auf der Tournée sieht.

Fabrice: Wir haben ungefähr die gleiche Herangehensweise, was den Sound betrifft, am Anfang haben wir viel Sampling gemacht und jetzt versuchen wir möglichst viele eigene Tonquellen zu produzieren. Das sind mal synthetische mal akustische Klänge, wir versuchen die Aufnahmen selbst zu machen. Beim Video ist es das Gleiche, am Anfang haben wir mit Filmsampling gearbeitet und dann mit der Zeit wollten wir immer mehr selbst filmen, das ermöglicht es uns noch persönlichere Dinge zu machen.

Lied einer Band, das euch oder eure Musik widerspiegelt:

Irgendwas von den Beastie Boys

6 Kommentare zu “High Tone // Interview”

  1. Franzi

    Oh, cool, die wirken total sympathisch in dem Interview.

    “am Merchandise-Stand haben wir total viel mit den Leuten gequatscht!”
    hehe, unter anderem mit mir!

    #117
  2. The mighty Duck

    @Franzi: angeb, auftrumpf, sich toll vorkomm…

    Ich war auch auf dem Konzert im RAW und muss sagen:
    Das Zusammenspiel von VJ-Kunst und Musik ist bei denen einfach top. Übrigens ähnlich wie auch bei Wax Tailor.

    Danke für das Interview!

    #118
  3. deadbeforesunshine

    Total geiles Interview!!!

    #119
  4. Woodoo

    so so so schöne Musik

    #120
  5. François

    Je viens de le lire… en fait j’ai lu la version française.. mais là j’ai pas pu mettre de commentaire.. donc voilà: merci pour l’interview, c’est vraiment intéressant!

    #121
  6. High Tones Are The Best!!!

    #3347

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