KREUZBERG SLAM// 02.09.08 // Review

Dienstag, September 9, 2008
Von phlo

kreuzbergslam

Der Übergang von Sommer zu Herbst macht sich ja auf vielfältige Weise bemerkbar. Kaum, dass die letzten Sonnenbrandspuren abgerunzelt, so bevölkern sie die Städte: Adventskalender und Schokoladenweihnachtsmänner in Supermarktregalen, angehende StudiVZ-Nutzer auf Wohnungssuche und ob der sinkenden Nachfrage nach FlipFlops an Straßenrändern weinende FlipFlop-Händler neben allseptemberlich frohlockenden Angehörigen der Schultaschenindustrie.

Das Nahen des Herbstes lässt sich aber auch daran erkennen, dass sich Veranstaltungen wie der Kreuzberg Slam im KATO wieder eines größeren Zuschauerandranges erfreuen, als während der letzten Sommermonate.

Im nahezu überfüllten Kato-Saal fanden sich vergangenen Dienstag zwölf Teilnehmer zum Kreuzberger Poetry Slam zusammen, der von den Mitgliedern der Berliner Lesebühne Lesedüne jeden ersten Dienstag im Monat veranstaltet wird. Nach Begrüßung und Kurzeinführung in die Regelkunde des Slams durch Moderator Marc-Uwe Kling, seines Zeichens Deutscher Slamchampion 2006 und 2007, las zunächst Co-Moderator Kolja Reichert einen ,,Anheiztext” über eine durch einen nervtötenden kleinen Jungen versüßte Flugzeugreise. S23

Im Anschluß startete die erste der insgesamt drei Runden des eigentlichen Wettbewerbs, in der Björn Högsdal, Alex Burkhard, Jan und Dorian Steinhoff gegeneinander antraten. Vor allem Letzterer und der Kieler Björn Högsdal fanden beim Publikum großen Anklang. Während Högsdal vier jeweils kürzere, pointenzentrierte Texte zum Besten gab, füllte Steinhoff die ihm (wie jedem Teilnehmer) zur Verfügung stehenden fünf Minuten mit einem ebenfalls sehr humorvollen und von einer extrem bildhaften Erzählweise geprägten Text, der die Beschreibung des missglückten Versuchs, das eigene Liebesleben mittels eines Pornofilms aufzupeppen, zum Inhalt hatte.

Zwei unterschiedliche Stile, ein Erfolg: bei der anschließenden Ermittlung des Gruppensiegers per Publikumsapplaus war eben jenem nicht zu entnehmen, wer letztendlich in der Gunst der Zuhörer höher stand. So entschied Moderator Marc-Uwe Kling kurzerhand auf unentschieden und schickte beide Poeten in die Finalrunde.

Die zweite Vorrunde wiederum versprach ein echter Leckerbissen zu werden, standen sich doch in Nadja Schlüter, Gabriel Vetter (dessen im ,,Berliner Fenster” der Berliner U-Bahnen angepriesenen Kolumnen zur Fußball-EM 2008 dem ein oder anderen vielleicht noch im Gedächtnis sind), Marco Tschirpke und Embulo (?) immerhin eine der talentiersten Nachwuchsslamerinnen des Landes, ein ehemaliger Deutscher Slamchampion sowie ein Träger des Deutschen Kabarettpreises von 2007 gegenüber. Knapp durchsetzen konnte sich am Ende einer hochklassigen Runde die einzige weibliche Teilnehmerin des Abends, Nadja Schlüter, mit einem Text über ,,halben Hass”, den sie mit einer markanten Mischung aus energischer Aufgebrachtheit und beschwörender Sanftheit vortrug.


WDR Poetry Slam (Runde 7) – Nadja Schlüter

Nach der darauf folgenden, obligatorischen Pause las Marc-Uwe Kling eine neue Episode aus seiner Reihe Neues vom Känguru. Anschließend startete die dritte und letzte Runde im Vorentscheid um den Einzug ins Finale. Neben Sebastian 23 und dem Berliner Schauspieler Felix Römer, beide (wie auch Gabriel Vetter) Mitglieder von SMAAT, der ,,ersten deutschsprachigen Poetry-Slam-Boyband Deutschlands”, wetteiferten Hanz und Elias um den Gruppensieg.

Obwohl die beiden Letztgenannten durchaus achtbare Auftritte ablieferten, mussten sie sich ebenso wie der als einer von wenigen mit einem ernsten Text angetretene Felix Römer letztlich Sebastian 23 geschlagen geben. Der ,,ehemalige Philosophiestudent” aus Bochum stellte wieder einmal unter Beweis, warum er nicht nur kein unbeschriebenes, sondern vielmehr eines der bekritzeltsten Blätter der deutschen Poetry-Slam-Szene ist.

Zu guter Letzt also: das Finale mit Björn Högsdal, Dorian Steinhoff, Sebastian 23 und Nadja Schlüter. Auffallenderweise handelte es sich bei allen vier Finalisten einerseits um ,,etablierte”, das heißt von Stadt zu Stadt fahrende und auftretende Slammer/innen, andererseits wartete keiner der genannten mit Berlin als Wohnort auf. Ob dies nun für die hohe Qualität des Kreuzbergslams oder eher eine zunehmende Professionalisierung bzw. Elitisierung der sich ja prinzipiell für jedermann offen und zugänglich gebenden Poetry-Slam-Szene spricht, sei dahin gestellt.

Fakt ist: Die Finalisten vermochten durch die Bank sowohl textlich als auch hinsichtlich ihrer so unterschiedlichen Vortragsweisen zu überzeugen.
Der Sieger hieß letztendlich Sebastian 23, der sich in einem seiner Texte unter anderem die Frage stellte, wie es wäre wieder 16 zu sein und sich vorzustellen, wie es wäre 60 zu sein, um sich vorzustellen, wie es wäre wieder 16 zu sein.

Alles in allem sah das Publikum im KATO einen starken Slam, der in dieser Form nur zu empfehlen ist. Allerdings sollte man sich auf Grund des großen Zuschauerandrangs rechtzeitig Plätze sichern. Die trauernden FlipFlop-Händler lassen sich auch noch später trösten.

6 Kommentare zu “KREUZBERG SLAM// 02.09.08 // Review”

  1. hmmmmmpscht

    Hätte gerne mehr von Gabriel Vetter gehört, aber sonst war’s ein toller Abend!

    #47
  2. Magarete

    jaaaa, war schön, aber zu viele Leute, zu heiß. Musste die ganze zeit stehen .:-(

    #48
  3. Andrea

    Die armen Flip-Flop-Verkäufer!

    #49
  4. Diana

    Pffff… ,,Elitisierung!”… als ob das anders wär als woanders! Übhung und Gewohnheit und Routine! Das is nunmal n’ Vorteil!

    #50
  5. Angelika

    Was ist denn pointenzentriert??? Ist das was perverses?

    #51
  6. Adam Apfel

    Hey Phlo, sehr cooler Artkel, vor allem die Einleitung! Danke.

    #52

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